Allmannsdorfer Wirtschaftsleben, Teil 1: Das Tafernwirtshaus „Zum Schiff“ in Staad / Emil J. Mundhaas

Die Veröffentlichung dieser Reihe im „s‘Blättle“ erfolgt als gestraffter Auszug aus des Verfassers Publikation „Alahmuntiscurt – Dokumentation einer Forschungsarbeit zur Geschichte der ehemals selbständigen Gerichts- und Bürgergemeinde Allmannsdorf (Band I Teil 2 Kap.13)“ in Fortsetzungen. Alle Rechte bleiben vorbehalten.

Das „Universal-Lexikon des Großherzogtum Baden“ von 1843 sagt über das Allmannsdorf dieser Zeit, dass es 683 Einwohner habe, von Feld-, Wiesen- und Rebbau lebe, sieben Wirtschaften aufweise und dass die Leute sehr arm seien.

Wer die Höhe der überproportional hohen Kriegslasten für die Gemeinde aus der Zeit von 1796-1802 und 1805-1818 in Betracht zieht, wird sich darüber auch nicht wundern können. Für diese wenigen „armen Einwohner“ wären ja sieben Wirtschaften nicht notwendig gewesen. Es waren vor allem die Konstanzer, welche sehr gerne nach Allmannsdorf pilgerten und dort „einen pfetzten“ und somit auch ein klein wenig zur Förderung der Allmannsdorfer Wirtschaft bzw. „Wirtschaften“ beitrugen. Vereinzelt wurde das Dorf von Reisenden im 19. Jahrhundert auch das „Grinzing von Konstanz“ genannt. Allmannsdorf war vom hohen Mittelalter (1250) an bis zum Ende des 19. Jahrhunderts eine Winzergemeinde und kein Bauerndorf. So gab es bis 1806 nur neun Bauernhöfe, welche alle ausschließlich im Kernort angesiedelt waren. Im Übernahmeprotokoll des Kurfürstlich-Badischen Komissars Freiherr von Mahler vom Januar 1806 sind in der Gesamtgemeinde 89 Rebmannen (selbständige Winzer) und neben den vorgenannten neun Bauern (Schupflehenbauern oder Pächter) noch 20 Handwerker, 18 Schiffsmannen (Schiffseigner) und fünf Fischer verzeichnet. Wirtschaftlich dominierten bis ca. 1830 (Konkurrenz d. Dampfschifffahrt) die achtzehn Schiffseigner in Staad.

Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts gab es einige wenige Besen-, Kranz-, Strauss- oder Boschenwirtschaften, in welchen man zu genau festgelegten Jahreszeiten einige Wochen lang den überschüssigen Wein aus dem eigenen Keller der Rebleute in deren Wohnstube trinken konnte, damit die Fässer leer wurden und die neue Weinernte Platz fand. Nur zu diesem Zweck war noch zu Zeiten der Reichenauischen Herrschaft über Allmannsdorf (vor 1272) einigen Rebleuten der Ausschank von eigenem Wein genehmigt worden, eine Konzession zum ganzjährigen Schankbetrieb war dies nicht. Speisen, auch einfache Vesper, durften nicht verabreicht werden. Die Kommende Mainau unterband mit der „Offnung von 1550“ so nach und nach diese Praxis, vergab jedoch an Winzer in ganz geringem Umfang Konzessionen zu ganzjährigen Betrieb. Diese durften auch kalte Speisen ve-rabreichen, aber nur eigenen Wein ausschenken. Verboten blieben Gesellschaften, Musik, Tanz, Tauf-, Hochzeits- und Totenmahl sowie Weinverkauf in Kleinmengen über die Strasse. Aus einigen dieser Besen- bzw. „Boschenwirtschaf-ten“ sind dann in der frühbadischen Zeit die sechs in der Rathausliste 1836 genannten „Buschwirtschaften“ entstanden. Belege für die schon vor 1806 bestehenden Buschwirtschaften habe ich gefunden für das Haus Fischerstrasse 20 (Anton Renker, Buschwirt / Eheb. St.Georg 10.01.1825), das Haus Fischerstr. 18 (GLA KA XII 642 Übergabevertrag v. 20.04.1823 Fidel Mundhaas d.Ä., Wirtschaftsbetrieb) und die Schänke des Anton Walterspiel in Egg (1725 Taufb./1751 Totenb. St. Georg= Anton Walterspiel, Buschwirt). Diese drei haben 1836 nicht mehr existiert. Saisonal betriebene Besenwirtschaften hat es in der Gemeinde nach 1830 nicht mehr gegeben.

Die rein saisonalen Schank- wie auch die ganzjährig betrie-benen Buschwirtschaften durften während der Deutschor-densherrschaft (1272 bis 1806) keinen Namen führen oder gar ein Wirtshausschild aushängen. Nur den Tafernwirtschaften war dies gestattet, weshalb sie auch „Schildwirtschaften“ genannt wurden. Aber der Volksmund hielt sich nicht daran und verpasste den Schänken inoffizielle Rufnamen, wie „zum Käntle“ oder „zum Jakob“ (nach dem Fami-liennamen des Wirtes), oder auch eher solche mit einem humoristischen Hintergrund wie „zum wüetigen Esel“ und „zum hohen Hirschen“. Es waren Bezeichnungen für Insider und fanden keinen Eingang in die Akten.

Die Rathaus-Liste der Wirtschaften von 1836 hat acht, die-jenige von 1899/1900 insgesamt dreizehn Lokalitäten in der Gemeinde Allmannsdorf verzeichnet. Beide Listen sind Momentaufnahmen. Nach einem Ratsprotokoll vom 4.7.1872 wurde „die Bitte des Friedrich Meier von Böhringen Königl. Württ. Oberamt Sulz und hier wohnhaft um Erlaubnis zum Betrieb einer Schankwirtschaft“ durch den Gemeinderat abgelehnt. Interessant ist eine Bemerkung im Schriftsatz, wonach „in hiesiger Gemeinde schon 13 Wirt-schaften, darunter drei Bierbrauereien (Schiff, Adler, Trau-be), bestehen“.

Es gab noch weitere Beizen, welche vor 1836, zwischen 1837 und 1899 und nach 1901 bis 1915 (Eingemeindung) existierten. Die von mir im Gemeindegebiet recherchierten Lokale erfassen vor 1914 insgesamt 21 Wirtschaften. Das „Wirtschaftsleben“ muss zu dieser Zeit sehr rege gewesen sein, doch waren die allermeisten dieser Wirtschaften und Schank- stätten – mit Ausnahme des „Schiff“ und vielleicht dem späteren „Waldhaus Jakob“– nur Nebenerwerbsbetriebe. Heute, wo innerhalb der alten Gemeindemarkung mehr als 10.000 Einwohner leben, gibt es nur etwa 12 Gasthäuser bzw. Schenken (Momentaufnahme Stand 2010). Die Mainau-Restaurationen, Vereinsgastronomie und Kantinenbetriebe sind dabei nicht mitgezählt. Doch haben sich von den alten, schon vor 1915 vorhandenen Gaststätten einige bis heute halten können, stark verändert durch Um-, An- oder Aufbauten und mit neuem Interieur. Aber die Bedürfnisse, Ansprüche und Gewohnheiten der Kunden haben sich eben-falls verändert. Diese kleine „Wirtschaftsgeschichte“ zeigt sehr anschaulich auch die Brüche und Veränderungen in der Ortsgesellschaft während der letzten 300 Jahre. Es bleibt nichts so wie es war, und die Veränderungen gehen rascher vonstatten, als es die Beteiligten selbst wahrnehmen und wahrhaben wollen.

Das Tafernwirtshaus „Zum Schiff“ in Staad

Über das Schiff in Staad hat Werner Schenkendorf mehrmals in den Zeitungsbeilagen „Bodensee-Chronik“ (Bodensee-Rundschau 1937) und „Oberländer Chronik“ (Südkurier 1956) Beiträge veröffentlicht und eine kleine Broschüre „Das Schiff, Gasthaus der Weissmäntel“ herausgegeben. Doch nie hat er behauptet, dass die Tafernwirtschaft schon zu Zeiten der Reichenauischen Herrschaft über Allmannsdorf durch den Abt oder seinen örtlichen Ministerialen gegründet wurde. Er interpretierte aber die Erwähnung des „unteren Hofes“ im sogen. Gottlieber Vertrag von 1272 dahingehend, dass der untere Hof in Staad gelegen habe und aus diesem das „Schiff“ entstanden sei. Diese Annahme ist ein eklatanter Irrtum Schenkendorfs und seiner späteren Interpreten. Der „untere Hof“ befand sich nicht in Staad, oberer und unterer Hof lagen beide in Allmannsdorf, und von 1272 an besaßen die Deutschherren diese beiden Höfe ununterbrochen bis zur Säkularisation 1806. Es waren die zwei reichenauischen bzw. ab 1272 deutschordisch-mainauischen Höfe oder Kelhöfe.

In Staad besaß die Kommende Mainau laut Urbar des Kom-turs Rudolf von Randegg von 1394 keinen Hof, lediglich einige Lehensäcker, Weingärten und Zinse. „Stephan Han-man zu Stad gibt einen Zins von 1 lb ϑ für sein Haus mit Weingarten, welche nebeneinander liegen und an den Weingarten des Cuonradt Schwarz von Costenz anstossen“. Das war 1394 das einzige Haus zu Staad, welches der Kommende gehörte und zusammen mit dem Weingarten einen jährlichen Zins entrichtete. Ein Rebmannshaus ist jedoch kein Hof, und auch noch über 400 Jahre später, im Januar 1806, verzeichnet das Übernahmeprotokoll keinen Hof zu Staad, denn alle neun Bauernhöfe sind als „zu Allmannsdorf“ eingetragen. Für Staad nennt das Dokument 1806 in Deutschordischem Besitz lediglich ein Haus, als Zinslehen vergeben (wie zuvor) sowie das „Amtshaus und Tafernwirtshaus“. Doch dieses letztere war 1394 noch nicht existent. Es war die Kommende Mainau, welche in Staad erst im frühen 16. Jahrhundert ihr Amts- und Gerichtshaus errichtete, welches gleichzeitig als „Tafernwirtschaft“ auch der Beherbergung und Bewirtung von Reisenden diente. Erbaut wurde es auf einem der Kommende gehörenden Grundstück, welches aus dem o.a. Weingarten herausge-schnitten wurde. Das 1394 (s.o.) und 1806 genannte Haus der Kommende Mainau existiert auch heute noch (Haus Schiffstr. 54) und grenzt immer noch an das „Schiff“, nur durch die heutige Schiffstrasse getrennt.

Das Protokollbuch des Oberamtes Mainau (GLA KA B.91/7639-7641) verzeichnet einen Wertungsbrief mit Datum 22. August 1608 und beginnt mit der Präambel „Vor Aman und Gericht zuo Stad….“, des weiteren auch eine Lehenvergabe durch den Komtur Georg Christoph Rinkh von Baldenstein mit Datum 16. May 1676 an „Johann Pauwmann, Aman und Gastgeb (Tafernwirt) zuo Stad“. Waren die Ammänner im Mittelalter noch durchweg in Allmannsdorf nachzuweisen, so sind sie ab dem 16. Jahr-hundert überwiegend in Staad ansässig und amten auch da.

Die Kommende vergab das Amts-, Gerichts- und Tafern-wirtshaus von Anfang an nie als Lehen (Erb-, Mann-, Zeit- oder Schupflehen), sondern betrieb es in Eigenregie mithilfe eines Beständers (Geschäftsführers), welchem jederzeit gekündigt werden konnte. Die Preise für seine gastronomischen Leistungen sowie deren genauen Umfang wurden ihm vorge- schrieben. Sein Einkommen wurde ihm durch eine Gewinnbeteiligung und Nebentätigkeiten z.B. als Schiffsmann, Rebmann und auch herrschaftlicher Amman gesichert. Und die „Tütschherren“ sorgten dafür, dass ihrem Tafernwirtshaus „Schiff“ keine Konkurrenz entstand. Bis zum Ende ihrer Herrschaft (1.1.1806) blieb es die einzige Tafernwirtschaft in der Gemeinde mit dem Recht zur Beherbergung, Verköstigung, Bewirtung von Tauf-, Hochzeits- und Totenmahlgesellschaften mit und ohne Musik sowie Verkauf von Wein in Kleinmengen (< 20 L) über die Strasse.

Erstmals in einem Dokument genannt ist das Amts- und Wirtshaus im Urbar der Kommende Mainau von 1555 samt dem damaligen „Bestandswirt“ Sigmund Märk. 1556 wurde ein tragischer Vorfall aktenkundig. Mit dem letzten Schiff aus Meersburg kam am 5. Dez. der Ulmer Bürger Daniel Schreiber an und nimmt im „Schiff“ Imbiss und Quartier. Er hörte nachts ein Geräusch, springt aus dem Bett, zieht den Degen blank, haut und sticht blindwütig im Dunkeln um sich. Aber statt eines Räubers trifft er das kleine Töchterlein des Wirtes tödlich. Er wird verhaftet, vor das Hochge-richt Heiligenberg geführt und verurteilt: Er muss 70 fl Wehrgeld an die Eltern des Opfers zahlen und darf nie mehr das „Schiff“ betreten.

Im 30-jährigen Krieg wird auch das Schiff ziemlich in Mit-leidenschaft gezogen; 1644 lässt Komtur Hundtbiss von Waltrams das Dach notdürftig reparieren. Das Haus bleibt trotzdem immer noch in einem desolaten Zustand. Erst 1662 erfolgt ein völliger Abbruch und danach Neubau durch die Kommende Mainau. Das führt zu einer Kompetenzstreitig-keit mit dem Landgrafen von Heiligenberg-Fürstenberg und zu einer bewaffneten Auseinandersetzung, der sogen. „Staader Wirtshausfehde“, welche der Landgraf verliert.

Die Liste der Deutschordisch-Mainauischen Bestandswirte ist nicht vollständig recherchierbar, einige dieser Personen konnten in verschiedenen Archivalien punktuell aufgespürt werden, so
1555 Sigmund Märkh d.Ä.
1610 Sigmund Märkh d.J. (er ist auch herrschaftl. Amman)
1640 Johann Bonauer
1650 Jacob Messmer
1676 Johann Pawmann (Amman und Gastgeb zu Staad)
1712 Jacobus Linder († Hospes)
1753 Anton Messmer
1799 Joseph Weber d.J. (herrschaftlicher Amman 1803-1809)
Joseph Weber d.J. (Schwiegersohn des Anton Messmer) ist ab 1803 herrschaftlicher Amman und der letzte „Beständer“ des Schiff gewesen. Sein Sohn Jacob Weber kaufte 1824 das Schiff von der Großherzgl. Bad. Domänenverwaltung, diese war 1806 durch die Säkularisation des Deutschen Ordens Eigentümer geworden. Für den Erwerb hat sich Jakob Weber zwischen 1824 und 1832 mit 17.800 fl hoch verschuldet, die Zwangsvollstreckung erfolgte 1833.

Die Johann Seibische Stiftung in Konstanz ersteigerte das Gasthaus und setzte als Pächter Peter Restle aus Allmanns-dorf ein. Er war ein Sohn des Kelhof-Schupflehenbauern Martin Restle und seit 1834 mit Maria Anna Waibel aus Heudorf verheiratet. Die Seibische Stiftung lässt 1834 die Immobilie wieder versteigern. Erwerber ist Maximilian Greiner von Heudorf bei Messkirch. Restle bleibt zunächst auch bei Greiner noch Pächter, dann erwirbt er das Schiff laut Verfügung Nr. 2509 vom 15.04.1835 durch Kauf.

Peter Restle gehörte auch zum Kreis der Aktiven des He-ckerputsches, nahm aber persönlich nicht am Heckerauszug teil. Er hat die Erklärung vom 1. Mai 1848 mitunterzeichnet und wurde als Gemeinderat 1849 entlassen. Der Kauf des Schiffs hatte Restles Mittel und Kredite wohl zunächst er-schöpft, das Gasthaus blieb baulich weitgehend so, wie er es kaufte. Einige kleinere Investitionen nahm er vor, richtete in den 1870er-Jahren in einem Nebengebäude eine kleine Brauerei ein und betrieb diese mit einem angestellten ge-lernten Bierbrauer. Ein „Preuße“ aus den „Hohenzollerischen Landen“, der am 28.05.1848 geborene Simon Graf, Sohn des verstorbenen Gastwirtes Karl Graf in Sigmaringen, tritt in Restles Dienste. Am 28. Mai 1874 heiratete er Friederike, Restles Tochter, 1853 geboren. Schiffswirt wurde er zunächst als Geschäftsführer seiner verwitweten Schwiegermutter Maria Anna Restle geb. Waibel. Erst nach deren Tod gab es eine Erbteilung und „Friederike Restle verheiratete Graf“ übernahm als Erbin das Schiff zu Eigentum. Grundlage hierfür war die notariell vereinbarte Gütertrennung. Im Steuer- und Feuerversicherungskataster 1890 sind alle zum Schiff gehörenden Immobilien unter ihrem Namen Friederike Restle verheiratete Graf eingetragen. Ein einziges Haus (Schiffstr. 56) in Staad hat Simon Graf persönlich noch vor 1890 von Konstantin Schroff erworben. Auf diesem baute er 1893 die neue Brauerei (seit 1919 Fischereigenossenschaft).

Fortsetzung folgt.

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