Verdichtung 2 in Allmannsdorf / Alexandra Forster, Thomas Götz

Verdichtung II
Bauvorhaben „Bettengasse 18“– für den Stopp eines Wandels
ohne Maß und Ziel

Der Philosoph Heraklit schrieb bereits vor ca. 2500 Jahren,
dass das einzig wirklich Stabile im Leben der Wandel sei.
Wandel ist wichtig, oft notwendig. Städte und Quartiere
wandeln sich und passen sich an – dem „Zeitgeist“, dem
Geschmack, dem Bedarf. Wir sollten dem Wandel gegenüber
offen, aber auch kritisch sein, insbesondere im Hinblick
auf sein Maß. Und das sind wir bei den aktuellen städtebaulichen
Entwicklungen in Allmannsdorf auch. Nachverdichtung
und effektive Flächennutzung sind vor dem Hintergrund
eines akuten Wohnungsmangels sicher geeignete
Maßnahmen „Lebensräume“ im wahrsten Sinne des Wortes
zu schaffen – aber im Falle des geplanten Bauvorhabens
zwischen Bettengasse 18 und der Jungerhalde ist der Wandel
maßlos und für uns in dieser Form inakzeptabel. Inakzeptabel
für uns als betroffenen Nachbarn, inakzeptabel aber
auch für uns als Allmannsdorfer, was die Veränderungen
des Quartiers anbelangt.
Wir sind 2008 aus beruflichen Gründen nach Konstanz
gezogen. Ganz bewusst haben wir uns dafür entschieden, in
Allmannsdorf zu wohnen – ein bezauberndes Quartier, viel
Grün, viel Charme. Nach einigem Suchen konnten wir ein
Haus in der Jungerhalde kaufen – damals ca. 15 Jahre alt
und mit folgender Baubeschreibung aus dem Jahr 1992:
„Konsequent nach Süden ausgerichtet und als „Sonnenfänger“
konzipiert: die Südseite ist verglast, die Nordseite
geschlossen und die passive Solarenergienutzung optimal.
Licht und taghell wohnen: dafür sorgen großzügige Wohnräume
(sogenanntes Durchwohnen) mit Galerie und großen
Fensterflächen“.
Wir hatten unser „Traumhaus“ gefunden. Und nun, im Jahr
2017, gab es eine Anwohneranhörung zu einem Bauprojekt,
das direkt vor unserem Haus in Richtung Süden geplant ist –
das Projekt „Bettengasse 18“. Die ersten Pläne für das Bauvorhaben
gab es bereits 2015. Sie wurden damals im Beirat
für Architektur und Stadtgestaltung diskutiert und es wurde
daraufhin etwas nachgebessert – nur minimal, wohl weil
dem Beirat leider falsche Pläne vorgelegt wurden, in welchen
das Erdgeschoss unseres Hauses und das von zwei
weiteren Häusern gar nicht eigezeichnet wurde (d.h. der
Garten wurde auf Höhe der 1. Etage eingezeichnet) und
somit die für uns Nachbarn inakzeptable Größe des Baus
nicht ersichtlich war. Bis jetzt ist es uns nicht gelungen, dass
das Vorhaben vor diesem Hintergrund noch mal politisch
diskutiert wird.
Zudem erhalten wir von Gemeinderäten und der Pressestelle
der Stadt widersprüchliche Informationen dazu, ob das Projekt
noch mal in der politischen Diskussion aufgegriffen
werden kann – was unseres Erachtens absolut notwendig
wäre. Zu den Dimensionen: Ein Siedlerhäuschen soll abgerissen
werden – dort wohnte ein Ehepaar, der Garten war
groß, ca. 1350 qm. Entstehen sollte dort nun ein 6-
Familienhaus und im ehemaligen Garten ein weiteres 4-
Familienhaus. Aus 1 mach 10. Das „Gartenhaus“ mit 14,5 m
breite und ca. 10 m Höhe rückt bis 3,5 m („untergeordnetes
Bauteil“, Treppenaus) an unseren kleinen Garten heran.
Aus Licht mach Schatten. Wir haben ein Gutachten eingeholt,
in welchem es heißt: „Nach der Errichtung des Gebäudes
wird, gegenüber heute, die Sonne in den Räumen
des Erdgeschosses im Zeitraum vom 20.10. bis 21.02. nicht
mehr sichtbar sein“. Durch die massiven Dachgaupen würde das Haus auf uns
wie dreigeschossig wirken. Aus unserem kleinen Garten
würde ein Hinterhof und unser „Sonnenfänger“ würde eher
ein Schattendasein führen. Wie oben beschrieben, ist die
Nordseite unseres Hauses geschlossen und da wir in einem
Reihenmittelhaus wohnen, können wir uns auch nicht verstärkt
Richtung Osten oder Westen orientieren. „Konsequent
nach Süden ausgerichtet“ – ja so war einmal der Plan,
als Richtung Süden in unmittelbarer Nähe keine 14 Meter
breite und 10 m hohe Wand in Aussicht war.
Nicht nur wir, auch die anderen Nachbarn sind in Aufruhr –
vermuten wir doch hinter dieser Anhörung einen Startschuss
für weitere Bauvorhaben in diesem Ausmaß. Die beiden
geplanten Gebäude sind völlig überdimensioniert. Sven
Martin sprach bei diesem Bauvorhaben bereits 2015 von
einer „dreisten Nachverdichtung“. Heinrich Fuchs sagte
2015: „Man muss allerdings davon ausgehen, dass an dieser
Stelle hinterher mehr steht als vorher“. Es wurde, wie
gesagt, seit 2015 etwas nachgebessert – aber immer noch ist
das Vorhaben ohne Maß und das geplante „Mehr“ weit
mehr, als dass es akzeptable wäre. 40 Anwohner haben sich
anhand einer Unterschriftenliste gegen das Ausmaß des
geplanten Bauvorhabens ausgesprochen. Gerhard Sigloch,
Mitbegründer der Bürgergemeinschaft Allmannsdorf-Staad,
bezeichnet das, was hier entstehen sollte und hoffentlich in
dieser Form niemals entstehen wird als „unzumutbar“ und
fügt hinzu: „Wir schlucken vieles, aber alles dürfen wir uns
nicht gefallen lassen“.
Das Bauvorhaben ist nicht nur maßlos, sondern auch ziellos.
Quartiersentwicklungen sollten städtebaulichen Zielvorstellungen
folgen, in welchen die Charakteristika der Quartiere
erhalten oder in bestimmte Richtungen weiterentwickelt
werden. Für das Gebiet zwischen Bettengasse und Jungerhalde
gibt es keinen rechtsgültigen Bebauungsplan – so
wird das Quartier zum Spielball der Investoren und generelle
Richtlinien zur Bebauung werden in vielerlei Hinsicht
einer gezielten Weiterentwicklung der Quartiere nicht gerecht.
Nur ein Bebauungsplan könnte und sollte einer zielführenden
und „wirklich“ geplanten städtebaulichen Entwicklung
gerecht werden.
Ganz individuell als Anwohner des geplanten Neubaus, aber
auch als Menschen, die bewusst nach Allmannsdorf wegen
seines Charakters gezogen sind und diesen einzigartigen
Quartierscharakter erhalten möchten, bitten wir die Verantwortlichen
der Stadt, das geplante Vorhaben in dieser Form
nicht Wirklichkeit werden zu lassen und unser Quartier mit
Maß und Ziel derart weiterzuentwickeln, dass es im Kern
der einzigartige Lebensraum bleibt, der er seit Jahrzehnten
war.
Alexandra Forster
Thomas Götz

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