Die Vernichtung des Allmannsdorfer Kelhofs – ein Lehrstück / Alexander Gebauer

Inzwischen weiß nahezu jeder, dass ein See durch einleiten von Abwässern, durch Überdüngung umkippen kann. Die Einsicht, dass auch Städte, Stadtteile, Dörfer „umkippen“ können, ist offensichtlich weniger weit verbreitet. Viele negative Beispiele zeigen, dass die Zerstörung solcher historisch gewachsener Lebensräume den folgenden Weg nimmt: Vernachlässigung alter Bausubstanz – aufbrechen gewachsener Gefüge von Wohn und Geschäftsstraßen – Abbruch alter Häuser und deren Ersatz durch aufwendige, überdimensionierte Neubauten. Am Ende steht der Verlust der Wesensart solcher Baugebiete, Anonymität und Austauschbarkeit, schließlich Wohn- und Lebensfeindlichkeit.

Die Leitsätze des von der internationalen Bodenseekonferenz (1994) einstimmig beschlossenen Bodenseeleitbildes, sagen dazu: „Der Erlebnis- und der Erholungswert der Tourismusorte rund um den Bodensee und damit auch deren wirtschaftlicher Erfolg hängt entscheidend vom äußeren Erscheinungsbild ab. Wichtig ist, dass die kulturell, städtebaulich wertvolle Bausubstanz erhalten, gepflegt und behutsam saniert oder modernisiert wird. Zur Ortsentwicklung gehört auch, dass bei der Neubautätigkeit Rücksicht auf vorhandene städtebauliche Strukturen und die umgebende Landschaft genommen wird“. Das Fazit des Bodenseeleitbildes ist daher, dass sich Umwelt und Sozialverträglichkeit einander bedingen: „Einer weiteren Siedlungskonzentration ist entgegenzuwirken. Deshalb ist die Siedlungstätigkeit hier in erster Linie nach den Bedürfnissen der ortsansässigen Bevölkerung auszurichten, d.h. auf gezielte Zuwanderung in größerem Umfang soll verzichtet werden (sog. Eigenentwicklung). Die Siedlungsentwicklung ist mit den naturräumlichen Bedingungen und den natürlichen Ressourcen abzustimmen“.

Ein nachwirkendes Symbol für den Erhalt gewachsener, historisch bedeutsamer, ortsprägender Baukörper in Allmannsdorf und ein Gründungsfanal der Bürgervereinigung Allmannsdorf- Staad war die langjährige Bemühung vieler engagierter Bürger den mächtigen Kelhof zu erhalten. Dieses eindrückliche Baudenkmal markierte bis vor über dreißig Jahren den Abschluss des Allmannsdorfer Ortsbereichs und fügte sich zudem harmonisch in den angrenzenden Streuobstbestand der Jungerhalde. Ein Berliner Bauunternehmer hatte, wie sich durch Nachforschungen herausstellte,   dieses historisch bedeutsame Bauwerk schon Mitte der sechziger Jahre mit der Absicht erworben dort rentable Neubauten zu erstellen. Ein Bebauungsplan für die Jungerhalde schien ihm da freie Hand zu geben. 1977 wurde aber auch der städtische Bau- und Liegenschaftsausschuss aktiv und stellte den Antrag auf Denkmalschutz.

Aber „Unvorhersehbares“, aber eigentlich „Vorhersehbares“ geschah, kurz nach diesem Antrag, am 1. Dezember 1977 brannte der Kelhof. Die Feuerwehr wurde alarmiert, ein Teil des Dachstuhls war trotzdem nicht zu retten. Die Untersuchung ergab, dass an 2 Stellen gleichzeitig Feuer gelegt worden war. Eine Zeltplane wurde über das Dach gespannt, aber es kam , wie es leider absehbar war, Regen und Schnee konnten nicht gehindert werden weiterhin in das alte Gemäuer einzudringen bis der Erhalt, so der Rechtsamtsleiter der Stadt: „nicht mehr zumutbar war“ – und so wurde dieses für die Identität Allmannsdorfs so wesentliche Gebäude im Herbst 1980 in abgerissen.

Ein Lehrstück, wie rein materielle Interessen und ein technokratischer, mutloser Bebauungsplan zusammenwirken, um ein heimatkundlich so wertvolles Gebäude und damit so viel bauliche Eigenart eines Ortes in wenigen Stunden zu vernichten.

Alexander Gebauer

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