Wo sind die Grenzen des Wachstums? / Dr. Antje Boll

Qualitativ wachsen statt Flächenverbrauch

Lässt man das Auge über die blühenden Streuobstwiesen auf der Jungerhalde schweifen, geht einem das Herz auf. Die Schönheit der Natur spricht unmittelbar die Seele der Menschen an. Hier, wo die Bienen summen, kommt man zur Ruhe. Eine Oase der Erholung für gestresste Städter, ein Ort zum Spielen für unsere Kinder, ein hochwertiger Natur-raum mit hoher Artenvielfalt und FFH Gütesiegel.

Wie lange noch? Konstanz soll wachsen. Konstanz soll eine Großstadt werden – geht es nach dem Willen des Oberbür-germeisters und der Mehrheit des Gemeinderats. Die eben beschriebene Oase ist eine Landschaft zum baldigen Ver-brauch bestimmt. Den Anfang macht das Pflegeheim, aus Kostengründen ohne Tiefgarage. Die notwendigen Parkplät-ze werden in die Fläche gebaut.

Alles kein Problem? Wir sind ja von Naturschutzgebieten „umzingelt“ – wie der Bürgermeister es so bezeichnend ausdrückte. Alle Eingriffe in die Natur werden ja „ausgegli-chen“. Penibel genau soll der Verlust an Naturräumen über Ökokonten aus- und die Ökopunkte der Ausgleichsmaß-nahmen dagegen aufgerechnet werden. Aber wird diese Art der Eingriffsausgleichsregelung den Bedürfnissen der Natur und der Menschen gerecht? Schließlich sind einmal versie-gelte Flächen für immer zerstört. Nicht nur Tiere und Pflan-zen verlieren so ihren Lebensraum. Wie viel Grün braucht eigentlich der Mensch zum Leben? Wie viel Wert hat die Natur in einer wachsenden Stadt? Andersrum gefragt: Wie viel Wert hat die Natur für den Menschen? Oder hat Natur nicht sogar ihren eigenen Wert? Trägt der Mensch nicht auch die Verantwortung für seine Mitgeschöpfe?

Natur für das Wohlergehen der Menschen
Schon ein kurzer Kontakt mit Natur bzw. Vegetation etwa in Wiesen, Wäldern oder Gewässern, aber auch mit städti-schem Grün etwa Parks, erzeugt positive Gefühle, Erholung, Wohlbefinden und Glück und reduziert negative Gefühle einschließlich Aggression, Angst und Ärger. Rein besiedelte Umgebungen dagegen lassen die Stimmung sinken. Zahllo-se wissenschaftliche Studien belegen dies. Der Anblick von Natur/Vegetation im städtischen Raum hat einen positiven Effekt auf kognitive Funktionen wie Aufmerksamkeit und Konzentration. Während eines Waldspazierganges steigt die Konzentrationsfähigkeit an, während eines Stadtspazierganges nimmt sie ab.

Natur ist wichtig für die Entwicklung unserer Kinder
Besonders unsere Kinder brauchen Naturerfahrungs- und Bewegungsräume. Richard Louv, Autor mehrerer Fachbü-cher zum Thema Natur und Kindheit, geht davon aus, dass die meisten heutigen Kinder viel zu wenig Kontakt zur Na-tur haben und deshalb unter einer Natur-Defizit-Störung leiden. Folgen sind Hyperaktivität, die Flucht in virtuelle Welten, Gewalt und Sucht und nicht zuletzt Gleichgültigkeit zu Natur und Umwelt. Wissenschaftliche Studien belegen dies: Kinder, die in Natur,- Park- und Waldflächen spielen und toben können, weisen weniger und weniger starke ADHS-Symptome auf. Natur heilt die Seele der Menschen.

Auch die motorische Leistungsfähigkeit der Kinder wird durch draußen spielen verbessert. Die sportliche Leistungs-fähigkeit unserer Kinder ist im Mittel geringer als die von vergangenen Kindergenerationen. Viele Kinder haben Hal-tungsschäden und Rückenschmerzen durch eine zu gering entwickelte Muskulatur. Dadurch steigt das Risiko von Unfällen bei sportlichen Aktivitäten. Draußenspiel ist ohne körperliche Bewegung nicht denkbar. Rennen und Toben, Balancieren, Klettern und Ball Spielen gehören dazu. Aber auch vergleichsweise ruhige Tätigkeiten haben nichts mit der Bewegungslosigkeit vor den elektronischen Medien zu tun. Wer Schiffchen auf einer Pfütze aussetzt oder Mandalas aus Naturmaterialien legt, muss sein Gleichgewicht in der Hocke halten können. So verbessert das Spiel in der Natur die motorischen Fähigkeiten der Kinder. Aber dafür benöti-gen wir stadtnahe Natur- und Erfahrungsräume.

Der Wert der Natur
Der Wert der Natur bleibt oft verborgen, weil ihre Leistun-gen scheinbar unbegrenzt kostenlos zur Verfügung stehen. Daher wird er – trotz rechtlicher Anforderungen zum Schutz der Natur – in gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Entscheidungen nicht ausreichend berücksichtigt. Dies hat weitreichende Folgen, denn die Natur stellt ihre wertvollen Leistungen nur dann dauerhaft zur Verfügung, wenn die dafür erforderlichen Prozesse und Funktionen erhalten wer-den (Naturkapital Deutschland – TEEB DE 2012). Während sich die Klimaschutzfunktion von Wäldern gut eingrenzen und bewerten lassen, ist dies bei Artenschutz und Biodiver-sität deutlich schwieriger. Ist ein Panda, Schneeleopard oder Nashorn wichtiger und wertvoller als der Rotmilan oder der Dunkle Wiesenknopfameisenbläuling? In unserer Gesell-schaft ist es leider verbreitet, den Sinn von Vernetzungs-strukturen wie Kleintierdurchlässe und Grünbrücken oder die Ausgaben für den Natur- und Artenschutz in Frage zu stellen. Dabei haben wir in Deutschland gegenüber der Welt die Verantwortung dafür zu sorgen, dass diese Tiere wie die Erdkröte oder die Zauneidechse nicht aussterben, dass Ihre Lebensräume und ihre Vernetzungsstrukturen erhalten bleiben.

Ökopunkte sind kein Allheilmittel
Den Wert der Natur nur in Dollar und Euro auszudrücken, widerspricht der Komplexität der Materie. Das Berechnen von Ökopunkten kann nur eine Annäherung dessen darstel-len, was an der Natur wieder gut gemacht werden muss. Denn dabei geht es vor allem um den quantitativen Aus-gleich, nicht um den qualitativen. Was nützt es den Men-schen und der Natur in Konstanz, wenn die hier versiegelten Flächen und gerodeten Wälder durch Ökopunkte abgegolten werden, die durch Ausgleichsmaßnahmen in Engen oder im Schwarzwald erwirtschaftet wurden? (Ökopunkte stellen inzwischen eine beliebte Handelsware zwischen Gemeinden dar.) Der Eingriff in die Naturräume ist nicht wieder rück-gängig zu machen. Frei nach dem Motto: „Was schert mich mein Geschwätz von gestern?“, werden Ausgleichsmaß-nahmen nach ein paar Jahren wieder zur Disposition ge-stellt. Dann wird nach Ausgleich für die verlorenen Aus-gleichsmaßnahmen gesucht. Am Ende ist die Natur die Ver-liererin, weil, wie beim Märchen des „Hans im Glück“, immer ein bisschen weniger ausgeglichen wird als in Anspruch genommen wurde. Dies ist ein moderner Ablasshan-del, an dessen Ende zwar fast alles zerstört wurde, aber immerhin: Alles ausgeglichen!

Nur mit regionaler landwirtschaftlicher Produktion gibt es Versorgungssicherheit
Es sind nicht nur Naturräume, wie der Schwaketenwald oder die Wiesen in Göldern, die für Wohn-, Gewerbe- und Straßenbau in Frage gestellt werden. Jedes Jahr gehen auch wertvolle landwirtschaftliche Flächen in Konstanz unwie-derbringlich verloren. Bereits jetzt liegt die Ernährungs-autarkie der Stadt Konstanz bei gerade mal 8,5%. Ist Kon-stanz noch krisenfest? Ist die Versorgung aus der Region überhaupt noch ausreichend? Am Hafner soll erneut bester Ackerboden zu Bauland umgewandelt werden. In Egg und in Litzelstetten werden Obstwiesen zu Bauland umgewan-delt. Wann stehen die Streuobstwiesen im Hockgraben und auf der Jungerhalde zur Disposition?

Wohnraummangel oder Mangel an Steuerung?
Zentrales Problem unserer Gesellschaft ist nicht der postu-lierte Mangel an Wohnraum, sondern dessen Verteilung. Häuser werden in großen Städten und auch in Konstanz gebaut, während im ländlichen Raum der Leerstand wächst und Vermögen sowie die Konzepte zur Rentensicherung vieler kleiner Leute vernichtet werden. Dichtestress, Klima-stress, Lärm, Verkehr auf der einen Seite – wirtschaftlicher Ruin, Leerstand und Verfall ganzer Dorfkerne auf der ande-ren.

Muss das so sein? Muss dem freien Markt immer genügend Fläche und Naturraum zum Verbrauch zur Verfügung ge-stellt werden? Muss die Stadt immer neue Gewerbegebiete ausweisen zur Ansiedlung von Arbeitsplätzen und damit weiteren Zuzug oder Pendlerverkehre stimulieren? Wann soll dieser Prozess aufhören? Ist es nicht Aufgabe der Poli-tik gegenzusteuern oder überhaupt zu steuern?

Ist das Bevölkerungswachstum in Konstanz Gott gegeben? Vor allem stellt sich die Frage, was passiert, wenn sich der Trend umkehrt? Werden dann wieder die ländlichen Regio-nen von der Völkerwanderung überrannt – immer dem neusten Modetrend folgend?

Vom Mittelmeerklima in die Klimafalle

Bereits jetzt ist die Bodenseeregion überproportional vom Temperaturanstieg durch den Klimawandel betroffen. Aus den vermeintlichen Vorteilen der Region können schnell Nachteile werden. Was passiert mit all den neuen, teuren Wohnungen, die hier geschaffen werden, wenn sich der Trend umkehrt? Ein Erholungsparadies ist Konstanz in Zei-ten der Klimaerwärmung dann nicht mehr, wenn die som-merliche Hitze zur Bedrohung von Leib und Leben wird.

Wo ist das Ende des Flächenverbrauchs?

Gibt es ein Ende des Wachstums und wenn ja, wann ist dies erreicht? Wenn Konstanz an seine natürlichen Grenzen stößt in Form von See, Schweiz oder Naturschutzgebieten? Wir brauchen politischen Willen, den weiteren Zuzug zu steuern und auf keinen Fall weiter aktiv durch massiven Neubau zu stimulieren. Dazu benötigen wir auch eine breite Diskussion mit allen Beteiligten, also auch den betroffenen Bürgern und Verbänden. Forderungen nach einer nachhaltigen Stadtent-wicklung müssen im Handlungsprogramm Wohnen berück-sichtigt und die Stellschrauben neu justiert werden. Dabei ist es wichtig, vor allem den Naturraum zu erhalten, das soziale Miteinander zu fördern und die Klimafestigkeit der Stadt zu gewährleisten.

Geeignete Mittel wären:

• Die Einrichtung eines Bürgerdialogs in Form eines Arbeitskreises „Nachhaltige Stadtentwicklung“
• Ausschließlich an Zielgruppen orientiertes Bauen für Familien, Senioren, Studenten und Geringver-diener durch die Wobak
• Steuerung des Zuzugs durch Begrenzung des Flä-chenverbrauchs
• Stärkere Beteiligung der Wobak und Genossen-schaften sowie Baugruppen aus Konstanzer Fami-lien
• Effiziente Kommunikations- und Anreizprogramme zum Wohnungstausch
• Umsetzung der Erkenntnisse aus dem Projekt Zu-kunftsstadt in allen neuen Baugebieten
• Innen- vor Außenentwicklung
• Entwicklung eines Grün- und Freiflächenkonzepts
• Nachverdichtung mit Augenmaß
• Klimakonzept in der Stadtentwicklung berücksich-tigen (Freiluftschneisen, Baumschutzsatzung)
• Geeignetes ÖPNV- und Radverkehrskonzept

Dr. Antje Boll
BUND Ortsverband Konstanz

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