Stadtentwicklung – Anspruch und Wirklichkeit / Sven Martin

Der Frustpegel ist hoch. Hans W. eingeladen von der Stadt Konstanz zur Ideenfindung für das Projekt Quartier 2020. „Wir nehmen an Workshops teil, bringen uns ein und am Ende werden die Vorschläge und Ideen nicht berücksichtigt, einfach weggefegt, so macht das keinen Sinn!“
Was ist geschehen? Die Stadt Konstanz veranstaltet, unter anderem auch auf Anregung der BAS, immer wieder Work-shops zur weiteren Entwicklung der Stadt. So geschehen 2012 der Rahmenplan Ortsmitte und das Pflegeheim Jun-gerhalde. Das Ergebnis des Workshops war, dass (a) kein reines stationäres Pflegeheim nach traditionellem Muster entstehen soll, sondern eine Mischlösung mit alternativen Wohn- und Pflegekonzepten. (b) dass die Bebauung und Planung als Einheit erfolgen soll – Kindergarten und Pfle-geinrichtung und Ortsmitte, da es viele Abhängigkeiten gibt. Beide Ergebnisse wurden nicht berücksichtigt, die ursprüng-liche Planung wurde umgesetzt, die Wobak realisiert. Ein weiteres Beispiel ist die Planung der Litzelstetter Ortsmitte. Auch hier gab es mehrere Workshops mit dem Ziel die Ortsmitte zu beleben. Viele Bürger haben sich mit sehr viel Herzblut eingebracht. Das Ergebnis waren viele gute Ideen und ein Architektenwettbewerb, der eine breite Zustimmung gefunden hat. Auch hier wurden die Ergebnisse der Bürger-beteiligung ignoriert – die Wobak plant nun nur ein einzel-nes Haus, deutlich massiver, umzusetzen.
Beides sind Beispiele dafür, dass die Stadt bei der Entwick-lung so wichtiger Bereiche wie die Ortsmitten von All-mannsdorf und Litzelstetten die Bürger zwar beteiligen möchte, aber bei der Umsetzung (in diesen Fällen durch die Wobak) zurückzieht. Damit werden die durchgeführten Verfahren und Workshops, zu Recht, als Alibiveranstaltun-gen wahrgenommen. Da läuft etwas deutlich falsch! Wie kann das sein? Der Anspruch, die Bürger bei Planung und Gestaltung einzubeziehen, ist gut und richtig. Die Ergebnis-se die daraus resultieren zeigen deutlich, dass sich diese Prozesse lohnen, der Sachverstand und die Kreativität, den die Bürger einbringen ist vorbildlich, die Ergebnisse sind von beeindruckender Qualität. Und das wichtigste, sie wer-den breit unterstützt und getragen. Die Argumente der Wobak warum die Planungen nicht umsetzbar sind, sind immer wirtschaftlicher Natur – das Objekt lohnt sich nicht, es braucht mehr Masse – nicht finanzierbar.
War es also falsch die Bürger ins Boot zu nehmen, wurden unrealistische Erwartungen geweckt? Das muss ganz ent-schieden verneint werden. Eine Ortsmitte zu gestalten ist Stadtentwicklung, hier wird der öffentliche Raum gestaltet, der nicht nur den Platz/ das Objekt an sich im Fokus haben darf, sondern der eine Funktion eine Ausstrahlung für den gesamten Ortsteil haben wird. Insofern können hier nicht die gleichen Renditevorgaben wie bei anderen Objekten gelten. Eine Erkenntnis ist sicher, dass die Wobak mit Ihrem eher funktionalen Auftrag, tendenziell eher nicht der richti-ge Partner für derartige Projekte ist.

Anspruch
Konstanz mit Baubürgermeister Langensteiner Schönborn und Oberbürgermeister Burchardt sind ambitioniert, ein Erfolg ist die erfolgreiche Teilnahme an dem Wettbewerb Zukunftsstadt. Hierzu hat gerade Anfang Juni 2017 eine zweite Veranstal-tung mit hochkarätigen Architekten und Stadtplaner, wie dem Amsterdamer Kees Christiaanse stattgefunden. Nach dem Motto „Dialogtage mit den Bürgern“ und „Qualität statt Quantität“ geht es darum die Stadt der Zukunft zu pla-nen. In den erstklassigen Vorträgen wird immer wieder deutlich, wie wichtige die Gestaltung des öffentlichen Rau-mes für lebendige und lebenswerte Stadtteile ist. Der An-spruch der Verantwortlichen nach „thought leadership“, sprich in der ersten Liga mitzuspielen, wie er sich für eine dynamische Uni Metropole gehört, wird hier sehr deutlich.

Wirklichkeit
Leider sieht die Realität anders aus. Die Projekte die in den letzten Jahren umgesetzt wurden, haben mit einer auf Kon-stanz ausgerichteten, den Charakter der Stadt aufnehmenden und der Fahrradmetropole Rechnung tragenden – behutsa-men Architektur nicht viel zu tun. Das letzte gelungene Quartier ist der Tannenhof aus den 90 er Jahren, hier ist tatsächlich ein grünes, lebendiges und vor allem autofreies Quartier entstanden (vgl. auch Artikel dazu).
Die Projekte die danach angegangen wurden, wie z.B. die Stadt am Seerhein, die Verdichtung Cherisy, Graf Harden-berg, die Bebauung entlang der Bahn in Petershausen sind nach innen gewandt und vernachlässigen den öffentlichen Raum. Der Blick in die Von Emmich Str. verdeutlicht dies. Vorherrschend sind Autos. Abriss allen Bestandes, gebaut wurden funktionale Einheiten mit Innenhöfen, in denen aufgrund der flächigen Versiegelung mit Tiefgaragen kein hochstämmiger Baum wächst. Innovativ ist das nicht! Die Projekte die nun beschlossen wurden, wie z.B. die Bebau-ung des Vincenius Areals gehen in die gleiche Richtung. Eine funktionale Architektur, mit Penthaus für die Wohlha-benden, nach Innen gerichtet, Tiefgarage. Der öffentliche Raum als Abfallprodukt, Alibiplätze – ein angenehmes, menschliches Quartier sieht anders aus.

Auch die Chance das Siemens Gelände anders zu gestalten, wurde vertan. Die Stadt hat das komplette Gelände meist-bietend aus der Hand gegeben. Hier wäre die Verbindung, von Leben und Arbeiten in alt und neu möglich gewesen. Für die viel zitierten Baugruppen ein ideales Gelände. Diese sollen nun entgegen der Empfehlung vieler Experten auf der Christiani Wiese – einem der teuersten Grundstücke – ent-stehen.
Fazit
So sieht Stadtentwicklung aus, die von Investoren gemacht wird. Wir müssen dringend zurück dahin kommen, wo eine Stadtplanung mit dem öffentlichen Raum beginnt und die Gebäude danach plant und nicht umgekehrt (vgl. auch Arti-kel von Prof.Christoph Mäckler – „Von Haus aus miß-glückt“). Deutlich wird, dass die Instrumente der Stadt nicht ausreichen. In Ansätzen gibt es Rahmenpläne, für viele Gebiete existieren keine, oder veraltete Bebauungspläne, Erhaltungssatzungen erscheinen zu eng, spezifische Leitli-nien zur Stadtentwicklung existieren nicht. Für die Gestal-tung einzelner Objekte gibt es einen Gestaltungsbeirat, für die Stadtentwicklung, bei der Entwicklung einzelner Quar-tiere sowie für die Entwicklung des öffentlichen Raums gibt es nichts. Andere Städte, wie z.B. Radolfzell haben dies erkannt und einen runden Tisch zur Stadtentwicklung einge-setzt, in Baden-Baden oder Wiesbaden, gibt es Gremien und Satzungen, die sich mit dem Stadtbild beschäftigen.
Konstanz darf seine zukünftige Gestalt nicht Investoren überlassen, der öffentliche Raum muss wieder stärker ge-plant und in den Mittelpunkt gerückt werden – die aktuelle und zukünftige Generationen werden uns dankbar dafür sein.
Sven Martin
Zukunftsstadt
Konstanz hatte sich als eine von 168 Kommunen um den vom Bundesforschungsministerium geförderten Wettbewerb Zukunfts-Stadt beworben. Sie gehört zu den 20 Kommunen, die eine Fachjury mit ersten Konzepten überzeugten und die zweite Phase erreichten. Diese dauert bis 2018 an. Bis dahin soll an den Visionen für zukunftsträchtige Wohnformen gefeilt werden und es sollen Strategien für die Umsetzung eines Projekts gefunden sein. Die Konstanzer Hochschulen sind über einen wissenschaftlichen Beirat eingebunden. Bis zu acht Kommunen werden in der Schlussrunde für die geförderte Umsetzung eines konkreten Modell-Projekts ausgewählt.

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